Das Scheitern

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Spannend war es schon, das Elfmeterschießen in der ersten KO-Runde zwischen Deutschland und Paraguay. Einen Moment dachte ich, dass Paraguay den Zwei-Tore-Vorsprung noch vertändelt. Nun, nach dem Scheitern, wollen alle Beteiligten weitermachen, „aufgeben“ komme nicht in Frage. Das Konzept verstehe ich nicht. Siehe auch in „Bahnhof verstehen„.


Wieder mal schickt sich ein Unternehmen an, sämtliche online verfügbare Kunst zu sammeln und recherchierbar zu machen. Dazu wühlt man sich durch die Seiten öffentlicher Museen und Galerien, pflanzt eine inhaltliche assoziative Suche drauf und fertig ist das „Last Museum“ mit zur Zeit über fünf Millionen Kunstwerken.

Für die konkrete Suche nach Künstlern scheint die Suche nicht gemacht. Gebe ich „Wilhelm Lehmbruck“ ein, bekomme ich seitenweise Fotografien angeboten, deren Zusammenhang mit Lehmbruck im Dunkeln bleibt. Die „Vibe-Suche“ liefert aber schöne Ergebnisse, wenn man z.B. nach „Trains Stations Paintings“ sucht. Hier liegt der Wert der Datenbank: Inhaltliche Beschreibung des Motivs. Das klappt halt so lange, wie die Künstler konkrete Gegenstände gemalt haben.

Die Liste der Künstler ist übrigens nach der Zahl ihrer verzeichneten Werke sortiert, etwa so relevant, wie eine Ordnung nach der Farbe der Oberhemden zum Zeitpunkt der Bilderstellung. Es gibt keine Sprungmöglichkeit zu einem Buchstaben und nach „tizian“ zu suchen, bringt Tausende Ergebnisse, die mit Werken dieses Künstlers nichts zu tun haben.

Sucht man z.B. nach Werken der Düsseldorfer Malerschule, bekommt man vor allem Gebäude in Uppsala angeboten. Ich mag diese semantische Suche, sie gibt dem Suchenden das Gefühl, das Konzept nicht zu verstehen, der Suchende wiederum versucht verzweifelt, die Datenbank zu kapieren. Am Ende ist es wie bei der Google-Suche: Man ist übersättigt, hat aber nicht das richtige serviert bekommen.


Das zufällige Zitat

Charakter

Vielleicht ist es mit dem Charakter so ähnlich wie mit der Intelligenz, nur dass der Charakter seinen Höhepunkt etwas später erreicht: sagen wir, zwischen zwanzig und dreißig. Und danach müssen wir uns einfach mit dem begnügen, was wir haben.

Julian Barnes (Vom Ende einer Geschichte, 2011)

Erinnerung II

Geschichte ist die Gewissheit, die dort entsteht, wo die Unvollkommenheiten der Erinnerung auf die Unzulänglichkeiten der Dokumentation treffen

Julian Barnes (Vom Ende einer Geschichte, 2011)

Erinnerung

Am Ende ist das, was man in Erinnerung behält, nicht immer dasselbe wie das, was man beobachtet hat.

Julian Barnes (Vom Ende einer Geschichte, 2011)

Radiosonntag

Nur im Radio waren die Sonntage noch so, wie sie früher gewesen waren. Sonntags zwischen zwei und vier blieb Xaver in der Nähe des Radios.

Martin Walser (Seelenarbeit, 1979)

Noch heißer

Gegen Mittag würde die Temperatur auf 38 Grad ansteigen, und zwischen zwei und drei nachmittags würde sie sich um 41 Grad bewegen. Angespannte Nerven würden dann anfangen zu reißen und dem Detective deutlich mehr Arbeit verschaffen. Brotmesserwetter, dachte der Detective.

Ross Thomas (Dornbusch, 1984)

Kinder fragen

Ja, es zieht dich echt runter, wenn Du dich mit einem Kind unterhältst. Mich hat mal ein Kind gefragt: Wie war das eigentlich für dich, als du das erste Auto gesehen hast? Scheiße, Mann, ich bin 1962 geboren.

Philipp K. Dick (Der dunkle Schirm, 1977/2022)

Das End'

Der Rabe Ralf ruft schaurig: »Kra!
Das End ist da! Das End ist da!«

Christian Morgenstern (Der Zwölf-Elf, Galgenlieder)

Bücherfrevel

Wer sich eine gerahmte Seite aus einem alten Buch an die Wand hängt, ist ein Banause und beweist genau damit seine Unkultur.

Umberto Eco (Die Kunst des Bücherliebens, 2009)

Wolkenwand

Ein wahnsinniger Abend, das. Eine schwarzblaue senkrechte Wolkenwand. Häuser und Bäume sahen unheimlich schwer aus. Alles schien vor Wärme zu tropfen.

Martin Walser (Seelenarbeit, 1979)

Heiß

Weicher als Bärendreck, weicher als die Lakritze, die er allen anderen Süßigkeiten vorzieht, wird der Teer der Fugen in den nächsten Stunden werden.

Georg Klein (roman unserer kindheit, 2010)

Wer ist ich?

Was ist das eigentlich: Identität? Wo endet die Vorstellung, die man gibt, die Rolle, die man spielt? Das weiß niemand.

Philipp K. Dick (Der dunkle Schirm, 1977/2022)

Mei bist du gemein

In einer Zeit, in der die Gemeinheit so an der Tagesordnung ist, verdient man sich fast Lob, wenn man gar nichts tut.

Montaigne (Essais, von der Eitelkeit)

Dünner Regen

Der Regen machte sich dünn und dünner. Und jetzt, in einem letzten, fast tropisch feinen Sprühen, spürt man wieder die Kraft der Sonne durch die wie Weißblech schimmernden Wolken dringen.

Georg Klein (roman unserer kindheit, 2010)

Gewitterfarben

Schwarzes Gewitter droht
Über dem Hügel.
Das alte Lied der Grille
Erstirbt im Feld.

Georg Trakl (Sommer, nach 1910)

Bücherfeinde

Es gibt noch andere Feinde der Bücher. Nämlich die Leute, die sie verbergen… (da) genügt es, kein ausreichendes Netz von öffentlichen Bibliotheken zu schaffen, um sie vor denen zu verbergen, die sich keine kaufen können

Umberto Eco (Die Kunst des Bücherliebens, 2009)

Die Semikolons, die sehr jammern,
umstellt man mit geschwungnen Klammern
und setzt die so gefangnen Wesen
noch obendrein in Parenthesen.

Christian Morgenstern (Im Reich der Interpunktionen)

Erdbeben

»In Südamerika ist ein großes Erdbeben gewesen, Störzer. Mein Vater hat es heute früh beim Kaffee aus der Zeitung vorgelesen. Das hat viele Ortschaften übereinandergeschmissen und darunter eine Stadt so groß wie unsere. Donnerwetter, wer da hätte bei sein können, Störzer!«

Wilhelm Raabe (Stopfkuchen. Eine See- und Mordgeschichte)

Benehmen

Der Chef zwang ihn, sich als der zu benehmen, für den er ihn hielt… Wenn er sich so benimmt, wie sie ihn haben wollen, merkt er, daß er nicht so ist.

Martin Walser (Seelenarbeit, 1979)

Beim Arzt

Also. lieber Herr Zürn, Sie kriegen von mir kein Gramm Medizin. Ich werde nicht die Volkswirtschaft belasten, bloß um ihnen ihre Begegnung mit sich selbst zu ersparen. Sie müssen sich begegnen.

Martin Walser (Seelenarbeit, 1979)

Wir selbst

Diese gewöhnliche Art und Gewohnheit, auf alles, nur nicht auf uns selbst zu schauen, ist nützlich und kommt uns sehr zu gute. Es ist ein Gegenstand, der nur Verdruß bereitet , wir erblicken dort nur Elend und Eitelkeit.

Montaigne (Essais, von der Eitelkeit)

Der Wind

Es pfeift der Wind. Was pfeift er wohl?
Eine tolle, närrische Weise.
Er pfeift auf einem Schlüssel hohl,
bald gellend und bald leise.

Christian Morgenstern (Es pfeift der Wind, Galgenlieder)

Küchenradio

Die Augen gehen im zu, sofort hört er besser, und schließlich sieht er ganz klar, wie sich das Gesäusel des Küchenradios vor dem Türschlitz schlankmacht und sich als ein honiggelbes Band zu ihm hereinschlängelt.

Georg Klein (roman unserer kindheit, 2010)

Schreckensherrschaft

Die gegenwärtige Schreckensherrschaft internationaler Rechtlosigkeit hat vor einigen Jahren eingesetzt. Sie begann mit unberechtigten Eingriffen in die inneren Angelegenheiten anderer Völker und mit dem Einfall in fremde Gebiete unter Bruch bestehender Verträge; sie hat nun ein Maß erreicht, das die Grundlagen der Zivilisation selbst ernstlich bedroht. Die Marksteine auf dem Wege der menschlichen Entwicklung zu Gesetzlichkeit, Ordnung und Gerechtigkeit werden umgestürzt, ihre Traditionen ausgerottet.

Franklin D. Roosevelt (Quarantäne-Rede, 1937)

Saudumm

Am liebsten hätte er gesagt: Saudumm’s G’schwätz. Das konnte er nicht sagen. Aber etwas anderes auch nicht. Also schwieg er.

Martin Walser (Seelenarbeit, 1979)

Vorn anfangen

Ganz vorn anfangen. Sie werden lernen müssen, ganz von vorn anzufangen. Ich habe auch ganz von unten angefangen, ich kann auch nicht hingehen und am fünfundzwanzigsten meinen Lohn abholen – ich sage, ganz von vorn anfangen.

Peter Bichsel (Geschichten zur falschen Zeit, ca. 1977)