Den Morgen im Ohr

Von

in

Schritte. Piepsend fährt der Wasserwagen zurück, die Kübelpflanzen bekommen ihre Notration für die kommenden zwei Hitzetage, Kinder laufen die Gasse entlang und quietschen mit hellen Stimmen etwas ungeheuer lustiges, Alte begrüßen sich mit kehliger tiefer Brummstimme und tauschen kurz die ärztlichen Befunde aus, dazwischen hastige Schritte knalliger Ledersohlen, mir kommt ein Geschäftsmann in den Sinn, im Anzug, das Sakko über den Arm gelegt. Die Straßenmusiker haben Stellung bezogen und es ertönt die Akkordeonmusik wie in einer unendlichen Schleife, das helle Klingeln der Münze im Hut ist unhörbar. Unter allem liegt das Surren der Lüftungsanlage, die nach Minuten herunterschaltet und dann wieder hinauf. Immer wieder Schritte. Geschäftsleute ziehen ihre Auslage auf die Gasse, danach werden die Sonnenschirme aufgespannt. Weiter entfernt wird das Dach eines Parkdecks renoviert, merkwürdig, dass dies so klingt wie das Schlagen der Wellen an den Strand. Fast unhörbar das helle Tick-Tick des Gartenrotschwanzes.

Drinnen meldet der Wasserkocher das Erreichen der gewünschten Temperatur.


Das Zitat

Charakter

Vielleicht ist es mit dem Charakter so ähnlich wie mit der Intelligenz, nur dass der Charakter seinen Höhepunkt etwas später erreicht: sagen wir, zwischen zwanzig und dreißig. Und danach müssen wir uns einfach mit dem begnügen, was wir haben.

Julian Barnes (Vom Ende einer Geschichte, 2011)

Erinnerung II

Geschichte ist die Gewissheit, die dort entsteht, wo die Unvollkommenheiten der Erinnerung auf die Unzulänglichkeiten der Dokumentation treffen

Julian Barnes (Vom Ende einer Geschichte, 2011)

Erinnerung

Am Ende ist das, was man in Erinnerung behält, nicht immer dasselbe wie das, was man beobachtet hat.

Julian Barnes (Vom Ende einer Geschichte, 2011)

Wer ist ich?

Was ist das eigentlich: Identität? Wo endet die Vorstellung, die man gibt, die Rolle, die man spielt? Das weiß niemand.

Philipp K. Dick (Der dunkle Schirm, 1977/2022)

Mei bist du gemein

In einer Zeit, in der die Gemeinheit so an der Tagesordnung ist, verdient man sich fast Lob, wenn man gar nichts tut.

Montaigne (Essais, von der Eitelkeit)

Beim Arzt

Also. lieber Herr Zürn, Sie kriegen von mir kein Gramm Medizin. Ich werde nicht die Volkswirtschaft belasten, bloß um ihnen ihre Begegnung mit sich selbst zu ersparen. Sie müssen sich begegnen.

Martin Walser (Seelenarbeit, 1979)

Wir selbst

Diese gewöhnliche Art und Gewohnheit, auf alles, nur nicht auf uns selbst zu schauen, ist nützlich und kommt uns sehr zu gute. Es ist ein Gegenstand, der nur Verdruß bereitet , wir erblicken dort nur Elend und Eitelkeit.

Montaigne (Essais, von der Eitelkeit)