Uwe Wittstocks Buch1 „Nach der Moderne“ (Wallstein Verlag, 2009) habe ich in der Bücherei mitgehen lassen (also ausgeliehen), weil sich darin ein Essay über Robert Gernhardt findet. Es interessierte mich zu erfahren, was ein Kenner der Literatur über einen Autor schreibt, der häufig als Komiker und Spaßmacher beschrieben wird. Es heißt gleich im ersten Absatz von Wittstock:
Doch war er ein Virtuose, der es verstand, Witz und Weisheit, Poesie und Pointen zu einem reichen, reifen Werk von unerhörter Anmut zu verschmelzen.
Der Autor zeigt am Beispiel eines Gedichts von Gernhardt, wie vielschichtig dessen Werke sein konnten (es gab auch den platten Witz!), wie eindimensional sich Kritiker auf das Vordergründige beziehen und das Abgründige dabei übersehen. Es wird keinen überraschen, dass dieses Gedicht hier den gläubigen Leser erbost hat:
Lieber Gott, nimm es hin,
Robert Gernhardt, Gebet
daß ich was Besond’res bin.
Und gib ruhig einmal zu,
daß ich klüger bin als du.
Preise künftig meinen Namen,
denn sonst setzt es etwas. Amen.
Uwe Wittstock erläutert in wenigen Absätzen, dass das Gedicht eher den Gläubigen und nicht Gott zur Zielscheibe macht.
Sein Witz geht also nicht auf Kosten des Angebeteten, sondern auf die des Betenden, der da großmäulig und in offensichtlichter Verkennung seiner intellektuellen Kapazitäten davon schwadroniert, von herausragender Klugheit, etwas „Besond’res“ und des Lobpreises wert zu sein.
Großmäulig schwadronieren! Herrlich. Die weiteren Aufsätze in Wittstocks „Nach der Moderne“ befassen sich u.a. mit Wolfgang Hilbig, Hans Magnus Enzensberger, Martin Mosebach und Max Goldt. Allesamt lesenswert.
- Dringend zu empfehlen ist außerdem Uwe Wittstock „Marseille 1940 – Die große Flucht der Literatur (C.H.Beck, 2024). ↩︎
