Sanditz

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Sie sind mir ans Herz gewachsen, die Mitglieder der Familie Wenzel in Sanditz, ehemals DDR. Müsste ich für diese Menschen ein Bild finden, so wäre es ein Stück Flußufer am Niederrhein, besetzt mit brüchigen Trauerweiden, die eine größer, die andere zerborsten, mal nah beieinander, mal weiter entfernt. Die borkige Rinden der Bäume zeigt die vielfältigen Verletzungen, die das Leben mit sich bringt, Wunden, die man sich selbst zufügt und solche, die man von anderen erhält.

„Kannst Du die Menschen nicht in Ruhe lassen? Kannst du nicht, wie wir, dabei zusehen, wie sie sich verheddern und in ihr Verderben stolpern? Man kann seinen Spaß daran haben, glaub uns, es wird unterhaltsam sein.“

Aber Sanditz ist nicht Niederrhein sondern ein fiktiver Ort am Rande des Irgendwo, Tagebau mit Riesenbaggern, Flachglasfabrik, lebendige kirchliche Gemeinde mit lebhaftem Büchertausch. Westware, geschmuggelt von Vater Wenzel, der als Orgelbauer viel reisen darf. Mit Erika Wenzel hat er zwei Kinder, Dirk und Marion, die wiederum mit ihrem Mann Roland Zwillinge bekommen hat, Maria und Tom. Dazu gibt es eine Menge Neben-Figuren, die vom Autor des Buches, Lukas Rietzschel, fast liebevoll gezeichnet sind. In all ihrer vom Leben auferlegten Beschränkung verleiht ihnen der Autor Würde und Größe und das ist für mich das eigentliche Geheimnis dieses Erfolgsromans.

Bild einer Rabenkrähe im Abflug, unscharf und verschwommen
Raben spielen auch eine Rolle in „Sanditz“, das Buch beginnt mit einem Hauch magischem Realismus (Foto Werner Volmari)

Rietzschel erzählt die Geschichte der Familie Wenzel auf zwei Zeitebenen, den späten 80er Jahren und den Jahren ab 2021, die Wende und Corona/Covid sind die Federn, die das Erzählwerk am Laufen halten. Der eine gibt der Stasi doch einmal einen Tipp, der andere ist dabei, als es gilt, das Stasiquartier zu besetzen, um die Unterlagen zu retten, der nächste verweigert die Covid-Impfung. Alle suchen Anerkennung, Liebe, zumindest zwei finden sie am Ende des Buches.

Ein Dialog aus "Sanditz"

„Du musst ganz schön enttäuscht von mir sein, oder?“
„Es geht“, sagt Achim. „Enttäuschter bin ich von den Butterpreisen.“

Lukas Rietzschel (Sanditz, 2026)