Ralf Rothmann Museum der Einsamkeit

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Jetzt also Ralf Rothmann. Obwohl das Buch in der Kritik bemäkelt wurde, hat es mich gefesselt. Die Geschichten können keinen kalt lassen…

†Es ist das erste Buch, das ich von Ralf Rothmann lese. Es ist mir nicht erklärlich und zeigt, wie lückenhaft mein Lesehorizont ist. Ich mag nicht spekulieren, was mir bisher noch alles entgangen ist.

Ich halte ein vom Autor signiertes Exemplar in den Händen. Ich bin empfänglich für solche Nebensächlichkeiten. Das Buch kommt direkt vom Suhrkamp Verlag und ich stelle mir einen Autor vor, der in einem abseitigen Verlagsbüro, versorgt mit einem bitteren Automatenkaffee, einen Stapel der eigenen Bücher signiert.

Fast jeden Morgen wurde ich wach, bevor es in den Lautsprechern rauschte und knackte.

Mit diesem Satz beginnt die erste Erzählung, schmucklos, klar. Der Erzähler befindet sich auf einer Schulbaustelle, wo junge Schlosser, Maurer oder Betonbauer die handwerklichen Besonderheiten ihres Berufs lernen, die im normalen Berufsalltag kaum noch vermittelt werden. Eine Atmosphäre wie in einem Schullandheim, Testosteron-geschwängert, rau, zuweilen brutal.

Aus den Lautsprechern tönt „Son of a Preacher Man“ von Dusty Springfield; wir befinden uns also im Jahr 1968 oder später. Der Hausmeister und Aufpasser der Truppe ist Fan der Sängerin. Und er ist einer, der sich gern an die Jungs ranwanzt. Lesen wir, wie der Erzähler die Songs von Dusty Springfield wahrnimmt:

Die keuschen Kleider und die Betonfrisuren der Sängerin fand ich immer zum Wegsehen, aber ich mochte die Stimme mit dem zarten, leicht aufgerautem Silberrand. In jenen Wochen hatte sie etwas mit dem Duft der Brötchen auf den Tischen des Speisesaals zu tun, mit den durchsonnten Honiggläsern und dem heißen Kaffee in Zweiliterkannen, und sie war in den morgenmüden Bewegungen der Köchinnen und dem Wiegen der Pappeln am Horizont.

Dies alles ist auf der ersten Seite der Erzählung „Normschrift“ zu lesen und ich gebe zu, ich war gefangen. Durchsonnte Honiggläser! Ein Silberrand in der Stimme. Klasse.

Auch wenn das Zitat es vermuten lässt, so handelt es sich bei den neun Erzählungen nicht um Wohlfühl-Geschichten. Menschliche Gemeinheiten, schicksalhafte Zufälle, abgrundtiefe Verletzungen der menschlichen Seele, Alltagsmenschen, die versuchen, ihrem Leben ab und zu den Glanz eines „durchsonnten Honigglases“ abzutrotzen. Das ist manchmal schwer auszuhalten. Wenn der kleine Timmi die Nacht durch auf seinen kleinen Bruder aufpassen soll, weil die Eltern im grauen, vom Zechensterben geprägten Ruhrgebiet mal Spaß auf einem Tanzabend haben wollen. Timmi hat Angst ohne seine Eltern, kümmert sich aber liebevoll um den schreienden Bruder und verwüstet dabei die halbe Wohnung. Budenzauber heißt die Erzählung und es kostet Kraft, dem kleinen Timmi in die versehrte Seele zu schauen.

Der einzige Trost, der dir bleibt, ist, dass der Tod eigentlich nichts bedeutet, auch dein eigener nicht. Dir rutscht die Welt aus dem Blick, und du sackst in die Ecke und wirst dir nicht mal selber fehlen, das war’s.

Der Tod ist eine Sache, die man mit sich selbst ausmachen muss: „Dir rutscht die Welt aus dem Blick“, hört Willi, ein alter Hilfsarbeiter auf dem Bau von seinem Kumpel, einem verurteilten Mörder, der kurz vor seiner Entlassung bei der Renovierung des Amtsgerichts helfen darf. Willi kann nicht mehr arbeiten wie früher, die Hüfte, und er wird von seinem alten Einsatzort weggelobt. Mit warmweichen Lügen, wie Chefs das so machen, wenn die Wahrheit zu anstrengend ist.

„Ich war immer beim Werner“, sagte er, und Clemente, der neue Bauleiter, schüttelte kurz den Kopf, als sei das jetzt nicht die Frage.

Ralf Rothmann ist im Ruhrgebiet aufgewachsen. Er weiß, wie die Menschen dort reden, denken, handeln. Er lässt seinen Protagonisten ihre Würde, man leidet mit ihnen. Wahrlich ein wunderbarer Erzählband.

Ralf Rothmann, Museum der Einsamkeit. Suhrkamp Verlag.

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