Buchcover Thomas Mann Doktor Faustus, Quelle Fischer Verlag

Thomas Mann Doktor Faustus

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Nach mehreren Anläufen hat es nun endlich geklappt: Thomas Mann ist geschafft. Doktor Faustus ist leider recht aktuell …

28. Januar 2026

†Einen kleinen Sieg gilt es zu verkünden, habe ich doch endlich ein Buch von Thomas Mann gelesen. Als Jugendlicher habe ich es mit den Buddenbrocks versucht, aber das war mir alles zu muffig und viel zu lang her. Dann sah ich noch den „Zauberberg“ im Kino (1982) und war wohl eher überfordert. Seither machte ich einen Bogen um Zitate-Literatur, die nur Kennern Freude macht.

Jetzt also „Doktor Faustus“, nach schnellem Zugriff in der Grabbelbox der Bahnhofsbuchhandlung, erschienen im Fischer Verlag, für nur 5 Euro, da Mängelexemplar.

Zwei Minuten nach dem Kauf zweifelte ich, ob ich die knapp 700 Seiten wirklich lesen will/werde.

Der erste Satz:

Mit aller Bestimmtheit will ich versichern, dass es keineswegs aus dem Wunsche geschieht, meine Person in den Vordergrund zu schieben, wenn ich diesen Mitteilungen über das Leben des verewigten Adrian Leverkühn, dieser ersten und gewiss sehr vorläufigen Biographie des teuren, vom Schicksal so furchtbar heimgesuchten, erhobenen und gestürzten Mannes und genialen Musikers einige Worte über mich selbst und meine Bewandnisse vorausschicke.

Thomas Mann: Doktor Faustus

Meine Bewandnisse, hm. Auf den ersten Seiten wurde mir der Stil, die bisweilen sehr aus der Zeit gefallene Sprache und die Länge der Sätze vertrauter. Und das Buch begann, mir Freude zu bereiten. Ich las (ohne zu verstehen), was Mann über die Musik schreibt, es geht um die Erfindung der Zwölftonmusik durch Leverkühn. Es geht aber auch um die Frage, ob der Komponist sein Genie vom Teufel erkauft hat, klassischer Faust-Stoff. Auf einer weiteren Ebene handelt das Buch von der deutschen Nation im ausgehenden 19. Jahrhundert bis hinein in die Katastrophe des Nationalsozialismus.

Ich lernte Manns Können zu bewundern, wenn es um die Beschreibung der Münchener Salons der 1920er Jahre geht, mit wenigen Strichen und viel Ironie zeichnet er die Protagonisten, deren Namen allein schon deutliche Karikaturen sind. Michael Lentz, der das Nachwort schrieb, fasst es so zusammen:

Die Figuren gewinnen zuweilen aus dem jingle-artig repetierten Branding eines einzigen Ausspruchs ihre Kontur. So findet Sixtus Kridwiß auch Nebensächliches „scho enorm wischtisch“, der Dichter Zur Höhe scheint gar aus einer einzigen , bei jeder unpassenden Gelegenheit repetierten Phrase zu bestehen: „Recht wohl! Recht wohl! O freilich doch, man kann es sagen“.

Michael Lentz, Nachwort zu Thomas Mann: Doktor Faustus

Dieser national-gesinnte rechte Kreis um Sixtus Kridwiß amüsiert sich in einer gespielten Gerichtsszene, angeklagt sind Massenmythen, die die bürgerliche Gesellschaftsordnung zersetzen.

„Das Groteske war der Apparat wissenschaftlicher Zungenschaft, den man aufgeboten hatte, um den Humbug als Humbug, als skandalösen Affront gegen die Wahrheit zu erweisen, da doch der dynamisch-schöpferischen Fiktion, der sogenannten Fälschung, das hieß: dem gemeinschaftsbildenden Glauben von dieser Seite gar nicht beizukommen war und ihre Verfechter desto höhnisch-überlegenere Gesichter machten, je emsiger man sich mühte, sie auf ganz fremder und für sie irrelevanter Ebene, der wissenschaftlichen nämlich, der Ebene der biederen, objektiven Wahrheit zu widerlegen“

Thomas Mann: Doktor Faustus

Faktencheck gegen Fake-News, auch vor einigen Jahrzehnten wohl schon ein Kampf gegen Windmühlen.

Ein vielschichtiges, herausforderndes Werk ist dieser Doktor Faustus, 1947 erschienen; eines, das man noch und noch einmal lesen müsste, um es zu begreifen. Dafür allerdings fehlt mir die Zeit.

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