Buchcover Das grosse deutsche Novellenbuch, Anaconda Verlag

Der berühmte Gedankenstrich ist gestrichen

·

·

Ein Gedankenstrich spielt eine wichtige Rolle in der Novelle „Die Marquise von O…“ von Kleist. Wenn er denn da wäre…

(…) wo sie auch völlig bewußtlos niedersank. Hier – traf er, da bald darauf ihre erschrockenen Frauen erschienen, Anstalten, einen Arzt zu rufen (…)

Heinrich von Kleist Die Marquise von O…

In Michael Maars Buch „Die Schlange im Wolfspelz“ spielt Heinrich von Kleist eine gewichtige Rolle, besonders seine Novelle „Die Marquise von O…“ und hier der Kunstgriff, mit einem Gedankenstrich ein unerhörtes Verbrechen zu berichten und gleichzeitig nichts darüber zu schreiben. Waltraud Wiethölter, Literaturprofessorin in Frankfurt, schrieb 2011 dazu:

„Der Strich entpuppt sich als der Platzhalter eines Kopulations- und Zeugungsaktes, der im Verlauf der Geschichte die natürlichsten Konsequenzen zeitigt. Der Erzähler erzählt, ohne zu erzählen; er zieht einen
simplen Strich, der gleichzeitig zu lesen und nicht zu lesen ist, der den Schauplatz ebenso verstellt, wie er ihn entblößt, und der es in dieser Doppelrolle bewirkt, dass Wissen und Nicht-Wissen, Liebe und Gewalt (resp. Vergewaltigung) zu abgründigen, weil ununterscheidbaren Größen werden.“

Kleist zu lesen ist mir bisher nicht gelungen (ehrlich gesagt, habe ich es der Bequemlichkeit halber vermieden, zu kompliziert der Satzbau…), die letzte Lektüre war wohl der Kohlhaas in Schulzeiten. Angespornt durch Michael Maar wollte ich diesen berühmten Gedankenstrich jetzt selbst erleben und entdeckte im Buchregal das „Große deutsche Novellenbuch“ aus dem Anaconda Verlag (2019), darin auch diese Novelle von Kleist.

Doch den Gedankenstrich fand ich nicht, er ist verschwunden. Statt dessen heißt es: „Hier traf er, da bald darauf die erschrockenen Frauen erschienen, Anstalten, einen Arzt zu rufen (…)“ Der Satz bekommt einen anderen Sinn, ist entstellt. Die Novelle ist lizensiert vom Verlag Artemis & Winkler „Werke in einem Band“, die ich nicht besitze. In der Manesse-Ausgabe „Erzählungen und Anekdoten“ von Kleist immerhin ist der Gedankenstrich an Ort und Stelle.

Angesichts von Kriegen und Diktatoren, von Klima-Umwälzungen der schlimmsten Art, Hungersnöten und anderen apokalyptischen Reitern ist diese Unterlassung natürlich: nichts! Für einen Verlag allerdings, dem Wort verpflichtet, ist der Fehler doch erheblich.

Mehr