Die weiße Festung

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Aus der Reihe „Preisreduzierte Mängelexemplare“ vom Wühltisch

1985 schrieb Orhan Parmuk, türkischer Literatur-Nobelpreisträger, den Roman „Die weiße Festung“, 1990 kam das Buch in Deutschland heraus. Ich fand es als Taschenbuch mit lädiertem Rücken in einer Bahnhofsbuchhandlung in Aalen.

Der Roman berichtet von einem Venezianer, der im 17. Jahrhundert den Türken in die Hände fällt, schließlich an einen Hodscha (Gelehrter, Lehrer) verkauft wird, der ihm sehr ähnlich sieht. Die Annäherung der beiden, der Austausch von WIssen, Erinnerungen und Haltungen und ihre Erfahrungen am Hof des Sultans in Istanbul sind das Thema des Romans, der damit auch erzählt, wie nah und gleichzeitig fremd der Orient und der Westen einander waren und sind.

Und dann kam die Pest

Beide Gelehrte beraten den Sultan, als die Pest in Istanbul ausbricht. Diese Episode wiederum liest man heute sicher ganz anders als man dies 1990 getan hätte.

„Was kann man tun?“ hatte der Padischah den Hodscha gefragt, der darauf erklärte, daß für Basare, Märkte, die ganze Stadt alles Kommen und Gehen wo nötig mit Stockhieben beschränkt werden müsse.

Orhan Parmuk, Die weiße Festung

Und natürlich beschwören die einen am Hofe das Ende des öffentlichen Lebens und des Handels und jammern und intrigieren. Als aber die Pest zurückweicht, wollen alle sofort die Beschränkungen aufheben. Die Pest ist nur eine kleine Episode des Buches, hat mich aber mit ihrer Aktualität und Hellsichtigkeit verblüfft.

Der Roman ist vielschichtig, manchmal herausfordernd, aber immer unterhaltsam. Und berührend, immer dort, wo es um die Grundfragen der Existenz geht.


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