Fotografie

Bruder aller Bilder

Buchcover Georg Klein Bruder aller Bilder

Aus der Reihe „Preisreduzierte Mängelexemplare“ vom Wühltisch

Das Warten auf den Zug hat manchmal was Gutes, denn man kann den Wühltisch der Bahnhofsbuchhandlung durchschauen. Ich schiebe also das Thrillergedöns beiseite und finde „Bruder aller Bilder“ von Georg Klein von 2021.

Ich hatte von Georg Klein „Roman einer Kindheit“ gelesen und spüre dieses merkwürdige Werk immer noch, so wie ich mich an den Geruch des blühenden Feuerdorns erinnere, der in meiner Kindheit die Vorgärten bevölkerte. Eindrücklich driftet die Handlung und Atmosphäre ins Unwirkliche und Geisterhafte. Ob das bei „Bruder aller Bilder“ wieder so sein würde?

Ja, aber zuerst bezaubert das Werk mit einer Reminiszenz an Kir Royal. Die Sprache des Sportreporters Addi Schmuck, Star in der Redaktion einer süddeutschen Regionalzeitung, sein Auftreten – all das wirkt wie bei Baby Schimmerlos. Er nimmt die junge Kollegin Moni Gottlieb unter seine Fittiche, ein paar Tage braucht er sie und der Chef kommt dieser Bitte gern nach, da Schmuck zugleich Liebhaber der mondänen Verlegerin ist. Addi macht Moni mit seinem brüderlichen Freund, dem „Auskenner“ bekannt und die Geschichte beginnt wie eine Fata Morgana zwischen Realität und Fantasie zu verschwimmen, genauer gesagt, zwischen Diesseits und Jenseits.

Zur Einstimmung die Sätze von Addi Schmuck, der seine Kollegin Monique Gottlieb vor ihrer Wohnung im „auffälligen Amischlitten“ abholt:

Gesundheit, Monique! Geht Monique in Ordnung? Nein? Ich seh‘ schon, eher nicht. Wahrscheinlich ist Dir Moni lieber. Entschuldige, hätte ich mir eigentlich denken können. Offen gesagt: Mir ist die Todesanzeige für deine Mutter aufgefallen. Respekt, gut gemacht! Ist und bleibt in seiner schwarzgerahmten Kürze ein verflixt schwieriges Genre. Nur Nachruf ist noch ein bisschen heikler. Also, mein kollegiales Beileid!

Das Buch ist sicher nichts für jemanden, der Konkretes, Handfestes erwartet: klare Handlung, verständliches Ende. Wer aber glaubt, dass das Leben manchmal etwas Unwirkliches hat, der lese Georg Klein.

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